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Erinnern wir uns

Wenn wir in der eigenen Familie oder mit Freunden und Bekannten über ihre Erlebnisse und Erinnerungen sprechen können, dann rückt ihre Zeit der unseren näher. Wir wissen, dass das Bild von der Zeit des Nationalsozialismus bis heute entscheidend geprägt wird von Geschichten, die in den Familien erzählt werden. Das gilt für die Familien von Verfolgten genauso wie für die Familien von Tätern, von Mitläufern und Zuschauern. Diese „Familiengeschichten“, aber auch das Interesse an Filmen über die Zeit des Nationalsozialismus, an Biographien und an Zeitzeugenberichten zeigen, dass dieser Teil unserer Geschichte immer noch in unserem Bewusstsein ist und uns beschäftigt. Davon zeugen auch die vielen lokalen und regionalen Gedenkstätten, die Ausstellungen und historischen Initiativen, für die ich dankbar bin.

(…)

Man braucht nie etwas über das Dritte Reich und seine Gewalttaten gehört zu haben, um zu wissen, dass man Menschen nicht verfolgt, misshandelt und totschlägt. Wir müssen sogar die Erfahrung machen, dass alles Wissen über den Nationalsozialismus rechtsextreme Gewalt und menschenfeindliche Gesinnung nicht verhindert. Es gibt Rechtsextremisten, die viel über das Dritte Reich wissen, mehr als manche andere. Aus Wissen allein entstehen weder persönliche Moral noch ethische Überzeugungen.

Die Erinnerung kann uns helfen zu verstehen. Sie kann uns zeigen, was geschieht, wenn die Würde des Menschen von Staats wegen außer Kraft gesetzt wird, wenn die Vernichtung der Würde des Menschen Ziel und Inhalt der Politik ist. Indem die Nationalsozialisten das Leben bestimmter Menschen oder Gruppen für lebensunwert erklärten, richteten sie sich gegen die Menschlichkeit selber.

Darum haben die Väter und Mütter unseres Grundgesetzes die Unantastbarkeit der Würde jedes einzelnen Menschen an den Anfang der Verfassung gestellt. Das ist die Konsequenz, die sie aus der nationalsozialistischen Herrschaft gezogen haben. Das ist der Grundkonsens der Republik. Ethische Überzeugungen sind nie ein für allemal gesichert. Sie müssen gelernt, und vor allem müssen sie vorgelebt werden. Die Menschenwürde ist ja nicht erst dann in Gefahr, wenn Häuser angezündet und Menschen durch Straßen gehetzt werden.

Die Erinnerung an unsere Geschichte hilft uns zu begreifen, was geschieht, wenn Maßstäbe verrückt werden; wenn der Respekt vor der Würde jedes einzelnen verloren geht; wenn Menschen vom Subjekt zum Objekt gemacht werden.

Wir können soviel wie noch nie. Damit wächst auch die Gefahr, den Respekt zu verlieren: vor dem Leben, vor der Würde eines jeden Menschen, so wie er ist. Die neuen wissenschaftlichen und technischen Möglichkeiten stellen uns auf vielen Feldern vor schwierige Entscheidungen. Richtig entscheiden können wir nur dann, wenn ein Satz, wenn ein Grundsatz über allem steht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

#WeRemember

Auszug aus der Rede, die Johannes Rau bei der Gedenkstunde im Deutschen Bundestag am
27. Januar 2001 gehalten hat.

Johannes Rau, geboren am 16. Januar 1931 in Wuppertal, war von 1969 bis 1970 Oberbürgermeister der Stadt Wuppertal und anschließend Wissenschaftsminister in Nordrhein-Westfalen. Von 1977 bis 1998 war er Landesvorsitzender der SPD und von 1978 bis 1998 der sechste Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen, von 1999 bis 2004 war er der achte Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland.

Heute vor 16 Jahren ist Johannes Rau in Berlin gestorben.

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